*Wir bleiben ?
Bisherige Aufenthalte in Heiligenhafen dauerten maximal 90 Minuten, und das auch nur tagsüber. Jetzt bleiben wir von Sa. 21,3. 15.30 bis Sa. 28.3.2026 10 Uhr. Wieviele Stunden das sind, vermag niemand zu sagen.
Samstag 21. März 2026
Ohne besondere Umstände reisten mit 100% um viertel vor neun ab, und hielten mit 37% bei Rosi’s Autohof Nähe Dorfmark an der A7 zum geplanten Zwischenstopp. Ab Bispingen wurde aus der gemütlichen Fahrt ein kontinuierliches Stop and Go, vor allem Stop. Das zuständige Assistenz-System kann zwar selbständig wieder anfahren, wenn es zügig geht, aber nach Stops von über 15 Sekunden wird diese Eigenschaft unwirksam. Nun ja. Statt um 12.45 (Vorhersage) kamen wir um 15.30 in Heiligenhafen an. Nochmals nun ja. Die Eincheck-Prozedur ging schnell und unkompliziert : Name nennen, Briefumschlag/Schlüssel bekommen.
Zunächst das Haus. Bei der Verteilung von Lob und Kritik muss das Preis-Leistungsverhältnis beachtet werden. Hier wird uns nichts geschenkt, sondern ein Preis aufgerufen. Insgesamt ist es aber überdurchschnittlich ok, wenngleich wir es wonaders schon noch „okay-er“ angetroffen hatten. Wir sind schon froh, in keine alberne Reetdach-Idylle hineingeraten zu sein.
Pluspunkte
- sehr schneller und einfacher Check-in und Check-out
- 2 echte Wohnungsschlüssel, keine alberne Türöffner-App nötig
- Zeitgemäße, wirklich schöne Architektur im ortsüblichen Stil mit viel Licht und Raum auf zwei Etagen
- Mischung von Ferienwohnungen und Dauerbewohnung in der Gesamt-Anlage
- geschmackvolle Einrichtung, wenig Uncooles
- bestens funktionierende Fußbodenheizung
- wegstreckenmäßig gute Lage in der Innenstadt und zum Hafen
- kostenloser Parkplatz in der Tiefgarage unter dem Haus
(Leichte) Minuspunkte
- Preisangabe mit dem Trick der „Versteckten Kosten“ – erst nach Buchung fanden wir im Kleingedruckten heraus, dass Bettwäsche und Handtücher nicht enthalten waren, sondern bei 2 Pesonen-Belegung für ca. 75 € hinzu gebucht werden können. War uns zu teuer.
- Der angegebene Ostsee-Blick ist ein kleiner Streifen am Horizont nach Osten. Maritimes Flair im Haus nicht wahrnembar
- Unzureichendes bzw, nicht vorhandenes Beleuchtungskonzept. Lampen und Leuchten wurden wohl nur „irgendwie zusammengekauft“. Zum Glück wussten wir das schon vorher aus den Bewertungen und hatten, vorbauend wie der kluge Mann, von zuhause eine Tischlampe mitgebracht, die hier an wechselnden Einsatzplätzen gute Dienste leistete.
- Abdunkelung (bei Sonne morgens nötig) durch Vorhänge schlecht gelöst
- Uralter Fernseher am Ende seines Lebenszyklus
Gesamtschulnote : 2 | bzw. 4 Sterne im 5-Star-Rating
In Heiligenhafen Zentrum konzentriert sich die Restaurant-Szene auf das Gebiet zwischen Traditionshafen, Yachthafen und Altstadt. Es wirkt wie ein angerummeltes, konzeptfreies Dauerprovisorium älteren Typs, das wie ein Blumenkohl gewachsen ist. Die Attraktivität liegt in seiner Unperfektheit und Überschaubarkeit. Deutlich abseits vom Rummel in der abgehängt wirkenden Alstadt mit Marktplatz und Kirche, erreichbar über ansteigende Straßen und Gassen nach Art kleiner Hansestädte im Ostseeraum, befindet sich die örtliche Filiale des regionalen Bäckers „Puck“ mit sehr schmaler Auswahl. Höhepunkt dessen Backprogramms ist das im ganzen Norden verbreitete Weltmeister-Brötchen für derzeit 0,95 €. Sehenswert bis denkmalschutzverdächtig erscheint uns die hiesige Filiale mit space-ig avantgardischer 1960er-Jahre Fassade des mehrfach in Schleswig-Holstein anzutreffenden „Kaufhaus Stolz“ (Haushaltswaren-zentrierter Allrounder). Zum Vergleich sehen wir hier auch die Außenansicht von Stolz in Burg, die wohl sogar noch aus den 1950ern stammt. „Abschnitt 10“ heißt der uns liebgewonnene Frisörsalon ohne Reservierungs. und Buchungssystem, dafür mit bis zu 90 Minuten Wartezeit, dem wir uns 2025 anvertraut hatten, diesmal vielleicht wieder. Seinerzeit war vor uns eine Dame dran, die vorgab, aus Lensahn zu kommen (23 km über die A1).
Gosch
Der kurze einprägsame Begriff wirkt wie ein Magnet. Die Namens-Langversion, die auch als Logo an den Häusern platziert ist, nennt sich GOSCH SYLT. Das „L“ als stilisierte Umrissform der Nordseeinsel finden wir eine geniale Idee. Gosch ist legendär, in Sylt gegründet und Sylt steht als Original, als Versprechen für gehobenen bis höchsten Lifestyle. Sylt bleibt für viele (so auch für uns) ein unerreichbares Sehnsuchtsziel. Ein Stück davon holt man sich trotzdem beim Besuch einer der Gosch-Filialen in ausgewählten, gehobenen Urlaubsorten an der Nord- und Ostseeküste, und woanders zurück. Es handelt sich um eine Systemgastronomie mit überall gleicher Karte und gleichen, einigermaßen bezahlbaren Preisen. Dafür gibt es bei Selbstbedienung mit Pager-Alarm jede Menge Flair und leckeres** Fisch-lastiges Essen. Die Restaurants sind stets an den publikumsstärkten und attraktivsten Hotspots der Orte platziert. Aus eigener Anschauung / Besuch kennen wir bisher die Gösche in Föhr, Norderney, Flensburg, Travemünde und nun Heiligenhafen, abgesehen von einem eilig gekauften Fischbrötchen bei Gosch im Hauptbahnhof von München, 1991.
** Als Ernährungsberater müssen wir die generelle Warnung aussprechen : Lecker = ungesund.
Am westlichen Rand, getrennt durch den sog. „Binnensee“ liegt ein riesiger Gebäudekomplex „Ostsee-Ferienpark“. (Quelle des Luftbildes) Von Weitem sieht er aus wie ein Monolith. Die Grundriss-Anordnung der Gebäude – es sind mehrere – ist eher ein halbes unregelmäßiges Oktogon. 1700 Wohnungen wurden um 1970 gebaut. Lange Zeit hatten wir geglaubt, das, und nur das wäre der Kern von Heiligenhafen an sich. Die Betreiber selbst schreiben über sich: Der Ostsee Ferienpark in Heiligenhafen ist einer der größten und attraktivsten Ferienparks an der Ostsee und ein äußerst beliebtes Urlaubsziel. Wahnsinn. Vorgelagert sind flache Shopping- Restaurant- und Freizeit-Einrichtungen á la Kursaal, Bowling Sudhus, Pizzeria O sole Mio oder Döner Witwe Bolte. Der geplante Abriss des „Kursaals“ scheitert bisher mangels Investoren, die dort bitteschön etwas adäquat Neues hinstellen sollen. Ein vorhandener neuerer Bau, so eine Art „Zentrum“ könnte baustilistisch aus dem Zeitraum ab 2000 oder danach stammen. Beim Durchstreifen sahen wir darin sogar vereinzelt Menschen. In der Region existieren weitere Ferienparks aus jener Ära : Damp (früher futuristisch Damp 2000. Als 2000 gelaufen war, klang es nicht mehr allzu futuristisch und die 2000 verschwand) sowie Weißenhäuser Strand. Auf jeden Fall sehens- und staunenswert.
Zu diesem schönen Ort sind wir am Montag-Vormittag bei sonniger, aber kühler Wetterlage gewandert, einmal rund um den Binnensee. Um auch die gigantischen leeren Parkplätze hinter dem Gelände zu erkunden, waren wir vom bereits Gesehenen zu erschöpft.
Donnerstag, 26. März 2026
Noch einmal kamen wir dem Ostsee Ferienpark nahe. Wir wanderten bei sehr steifer Brise, jedoch gegen alle Vorhersagen sonnigen Lichtverhältnissen am Ufer westwärts zur sogenannten, uns bisher nicht bekannten Steilküste. Dort angekommen, ging es nicht weiter als bis zum Tor des auch tagsüber blinkenden Leuchtturms, übrigens einer der unbekanntesten und vergessensten Leuchttürme überhaupt. Im Windschatten eines Dornengestrüpps machten wir Pause bei Tee und zuvor bei JUNGE gekauften belegten Brötchen. Telefonisch gratulierten wir zum Geburtstag. Weiter ging es an großen Weiden, die von Galloway Rindern beweidet wurden (schwarz mit weißem Fellring). Die Weiden grenzten an das Hochhaus-Gelände. Unser Weg führte durch ein Areal, welches wir bauhistorisch als ehemalige Kaserne identifizierten. Und tatsächlich, so war es. In den 1930er Jahren als große Kaserne mit gotischen Anklängen gebaut, wurden die Gebäude nach 1945 als Krankenhaus weitergenutzt, genauer gesagt als Landes-Psychiatrie. Noch heute ist es, wie die entsprechende Homepage bekannt gibt, eine Intensiv-Klappse.
Harter Verzicht, eisernes Sparen
Nach der Wanderung zum Ostsee Ferienpark tauchten wir wieder in die Zivilisation ein und übten uns großartig im Verzicht, denn es ist Fastenzeit. Dabei konnten wir größere Summen einsparen :
- Bei Junge im neuen schicken und hochpreisigen, aber auch künstlichen und sterilen Viertel an der Gabelung zwischen Steinwarder und Graswarder lag nun eine Filiale der Bäckerei/Restaurantkette JUNGE, wo wir am Samstag schon eingekehrt waren, zurecht. Am Montag schon wieder dahin wäre etwas aufgesetzt gewesen, und wir verzichteten. Ersparnis für 2 Tassen Kaffee Créme und zwei ordentliche Stücke Kuchen plus Trinkgeld ca. 20 €
- Bei Adenauer, an dessen Schaufenstern wir schon in Eckernförde, Timmerdorfer Strand und Wyk auf Föhr sehnsüchtig die Nase platt gedrückt hatten, sahen wir ein schönes Kappuzzen-Sweatshirt. Das besondere war der Schriftzug Adenauer auf der Kappuzze. Spontan gelang uns die Einsparung von 195,00 €
- Baltic Kölln, ein hiesiger Ausrüster für Sportklamotten, Segel- und Angelbedarf, führt ein kleines Sortiment der Marke Helly Hansen, deren Wind- und Regenjacke seit einem Dreivierteljahr auf der Wunschliste stand. Wir probierten an, machten ein Kontrollfoto und hängten die Jacke mit einer Sparpotenzial von 180,00 € wieder weg, aus zwei Gründen : 1. Der Laden war zu rumpelig, das Kauferlebnis stellte sich erst gar nicht ein. Hätte es die gleiche Jacke 300m weiter beim durchgestylten O’LEU / ELVSTRØM SAILS gegeben, hätten wir dennoch zugeschlagen und wären 10 Minuten später von der Nachkauf-Reue (kognitive Dissonanz) erfasst gewesen. Zweitens : Der Blauton der Jackenfarbe war letztendlich zu hell und beliebig. So wollen wir nicht rumlaufen. 24 Stunden später : Bei Outdoor-Ole in Burg kostet die gleiche Jacke nur 165,00 Aber what shall’s.
Macht unterm Strich 390,00 €
Am Nachmittag brachen wir dennoch zu einer Einkaufstour auf. In Heiligenhafen existieren folgende Supermärkte: Jens (EDEKA), REWE, Netto, Lidl, Aldi Nord, Calle, Famila. Letzterer, Famila, sollte es sein. Wir wanderten am Ostseeufer entlang auf einem uns bis dato nicht bekannten stillgelegten Bahndamm, heute ein Fuß- und Radweg mit wassergebundener Decke. Nach Recherchen fanden wir raus, dass die Bahn, aus Lütjenbrode kommend, 1976/1984 stillgelegt wurde, selbst aus heutiger Sicht ein tieftrauriges Faktum. Auf ähnlichem Weg ging es zurück. Zu Famila gibt es nur zwei Dinge zu berichten : Der Laden ist ziemlich groß. An der Käse-Selbstbedienungs-Vitrine lag eine Art Gouda-Sorte namens Jersey aus. Jersey, die britische Insel vor der Küste der Normandie ? Eher eine gleichnamige Kuh-Rasse.
Dienstag, 24. März 2026
Der ausgekuckte Fehmarn-Tag, hätten wir es mal lieber gelassen. Denn das Wetter (kalt, grau und windig) wirkte sich direkt auf die Laune der Beteiligten aus. Wir parkten auf einem Großparkplatz, der eher wie ein Friedhof aussah. Dort befand sich eine städtische Ladesäule mit der für diesen Typ räzelhaften Bedienung und dem briefmarkengroßen Display, auf dem man niemals etwas erkennt. Mit Bankkarte** ging es nicht, und wir zogen die EWE Ladekarte. Gemäß Vorplanung wanderten wir raus bis zum Fehmarner Hafengelände Burgstaaken. Das war früher ein Logistik-Hafen mit Getreidespeicher. Ist er in Resten wohl immer noch, aber eine planlose touristische Nutzungsübernahme sorgt hier für eine sichtbare Verhunzung. Einer der Speichertürme wird als Kletterpark betrieben, vor den alten Gebäuden liegen ungeordnet Wohnmobile, vergessene Boote und Gerümpel rum. Das Gelände ist schon durchsetzt mit Imbissbuden und Freizeit-Angeboten. Wegen fortschreitender Durchgefrorenheit blieb uns nur noch die Einkehr in einem schlichten, aber gemütlichen Fisch-Imbiss mit Sitzgelegenheit – im Kantinenstil und ohne jede Deko. Am Nebentisch saßen sogar Einheimische. Rentner, aber nicht in Beige mit Schlägermütze, sondern angemessen maritimer Anmutung. Später besuchten wir außer ein paar Läden noch die Kirche St. Nikolai und deren Friedhof. Das Grab des Senators Thomsen war nicht zu finden, wohl aber Gruppen-Bestattungsplätze mit der Auswahlmöglichkeit GLAUBE – LIEBE – HOFFNUNG und schöne Grabsteine mit Goldbeschriftung. Am Ende der Wanderung lag, wir wussten es, das Tunnel-Informationszentrum, geschlossen wegen Mittagspause. Unsere Fragen werden wir wohl beim nächsten Fehmarn-Aufenthalt stellen.
**Bankkarte, Begriffsklärung : Normale Menschen sagen „EC-Karte“. Bringen wir nicht über die Lippen, weil das EC-System bereits 2007 abgeschafft wurde. Dessen Nachfolger, das System MAESTRO läuft ebensfalls gerade aus. In Umlauf kommen nun Debit-Karten mit integrierter Mastercard-Funktionalität.
Coole Einheimische im Fisch-Café
Action : Am Abend lag unerwartet ein echtes Schiff an der historischen Heiligenhafener Kaimauer bei den 3 Speichern. Im Licht der Scheinwerfer wurde Kies entladen und von großen Kipp-LKWs abtransportiert.
Der Mittwoch
Das Wetter am Mittwoch, 25. März 2026 war nicht so, wie wir es uns mittelfristig vorgestellt hatten. In den Wochen zuvor hatten wir schon sonnige Radtouren absolviert, im Garten gefrühstückt und uns am Rhein-Ufer gesonnt. Heute mussten wir den bei Kaufhaus Stolz neu gekauften und aus stilistischen Gründen in der Farbe Pink gewählten Regenschirm zugeklappt lassen, obwohl wir dringend darauf angewiesen waren. Gegen den Wind gestemmt, erreichten wir mit großer Mühe gerade JUNGE, um uns dort bescheiden ein kleines Kakäuchen und ein halbes belegtes Brötchen zu teilen. Am Rand des Hafens hatte die Bundesmarine mit dem Schiff Y836 festgemacht. Lt. Wikipedia ein sog. Sicherungsboot, das Schießmanöver absichert. Oder so.
Es blieb sehr sehr windig. In der Stadt ging es noch, aber bei unserer Wanderung am Ufer entlang von Albertsdorf bis Lemkenhafen kamen uns aus exakt westlicher Richtung 7 Beaufort entgegen, lt. Tabelle noch kein Sturm oder gar Orkan, aber sogenannter steifer Wind. Da es aber sonnig war, blieben trotz der Kälte von 6°/gefühlt 0° Erfrierungserscheinungen aus. Unser Ziel war von vornherein die vor einigen Jahren entdeckte Strandkneipe „Lütten“, beliebt bei Touristen und wahrscheinlich auch den an der Fehmarner Südküste sich zahlreich tummelden Windsurfern und Kitesurfern. Ein kleines Basislager von Letzteren war uns am Albertsdorfer Ufer aufgefallen, Sie surften in Ost-West-Richtung hin und her und hofften auf bzw. realisierten Luftsprünge bis 10 Meter Höhe. Alles Pro’s, die nach dem Wiederaufsetzen auf der Wasseroberfäche nicht baden gingen, sondern einfach weiterfuhren. Der einsam auf einer nassen Wiese gelegene Parkplatz in Albertsdorf war nicht kostenlos, bot aber EasyPark-Komfort. Surfer luden ihr Zeugs in einen Buzz. 3,5 km strammer Fußmarsch. Bei „Lütten“ waren – Glück gehabt – noch Tische frei. Gut, dass wir den Mittwoch ausgekuckt hatten, wo es eher verpennt zugeht. Die chillige Musik dröhnte eine Spur zu laut, Cheese cake wurde als Käsekuchen deklariert, was nicht das gleiche ist, weil zu süß. Aber egal. Theke und Service wurde von 2 Frauen gemanaged. So kommt’s professioneller und einladender an als Geschäfte (aller Art), die nur von einer Person betreut werden. Sörfer konnten wir jetzt direkt keine ausmachen, aber die Bordsprache ließ auf solches Publikum schließen : „Couple Breakfast“, „Flat White“ „Chai Latte“ und ein großes Angebot an Cocktails lässt nicht vorwiegend auf Rentner und Senioren schließen. Möglicherweise hat hier auch das Dreh-Team der ZDF-Serie Nord bei Nordwest mit Hinnerk Schönemann hier schon gesessen. Insgesamt bewerten wir das Einkehr-Erlebnis mit der Schulnote 2minus.
Am Point of Sale
Im neuen Viertel zwischen Yachthafen und Steinwarder hat sich eine portugiesisch angestrichene Gastronomie angesiedelt. Nichts zum Reinsetzen, eher zum Kurz-Veweilen. OMARINHEIRO besteht aus einem kleinen Rundpavillon, einem zur Hütte umgebauten Halb-Container, einer kleinen Halle, die wie ein erweitertes Bushaltestellenhäuschen etwas Wind- und Regenschutz bietet, sowie ein paar gemütliche Strandkörbe, in denen Kunden sich zum Essen niederlassen können. Bei Kälte und Wind haben wir sie bisher nur geschlossen gesehen. Jetzt am Donnerstag erstmals geöffnet. Das Angebot ist außen gelistet und per Kundenstopper werden im Vorbeigehen die Highlights angepriesen. Sieht alles ziemlich verlockend aus. Als da wären :
- Garnelen / Tintenfischstücke nach portugiesischer Art mit Knoblauch/Cocktailsoße 15 €
- Bratwurst / Currywurst Krakauer / Thüringer im Brötchen mit Soße 5 € / 7 €
- Fischbrötchen Black Tiger Garnelen / Backfischbrötchen 8 €
- Hähnchenbrustfilet / Schweineschnitzel in Piri-Piri Soße oder Omarinheiro Soße Salatmix 8,50 €
- Churros / Pommes mit Puderzucker / Zimt und Zucker Vanille / Schoko / Caramel 6 €
- O Marinheiro Burger mit Rind- oder Chicken Patty oder Veggie Burger (keine Preisangabe)
Zwei Erkenntnisse daraus
- Vorsicht, immer noch gilt : Lecker = Ungesund !
- Pommes für 5,50 € sind eine echte Ansage. Unsere ersten Pommes, in Schloss Neuhaus auf dem Kirchplatz, ca. 1964, kosteten 50 Pfennig, mit Ketschupp 70 Pfennig.
Die Boutque „Shutters“ war seinerzeit die erste hier, die nicht angestaubt-ärmlich-von gestern rüberkam. Schon damals hatten wir nichts gekauft, aber unvergessen drei Architekturhefte abgestaubt.
Auf unserer Supermarkt-Experience-Tournée ließen wir Lidl und Aldi Nord ausfallen und machten uns zu Fuß – täglich immer nur zu Fuß – auf den Weg zu EDEKA Jens, außerhalb der Stadt an der A1-Autobahnauffahrt Heiligenhafen Mitte gelegen. Jens kennen wir von Großenbrode und von Travemünde-Priwall. Ehrlich gesagt – Jens in Heiligenhafen gefiel uns emotional nicht. Labyrinthisch-verstörende Regalanordnung und die gesuchten Waren gab es auch nicht. Die fanden wir später in dem winzigen REWE.
Schon beim ersten Rundgang am Samstag war uns das „Blue Ocean“ aufgefallen durch den Sogwirkung auslösenden Kundenstopper „Muscheln in Tomatensauce“. Allerdings schien das Restaurant geschlossen wie im Winterschlaf. Saisonbeginn erst Ostern ? Donnerstag Mittag war es dann plötzlich geöffnet. Wir planten den Besuch für den gleichen Abend, Punkt 18.30 Uhr fest ein. Als wir dort ankamen, war es geschlossen. Wir mussten ausweichen. Auch das altertümlich, aber sehr gemütlich scheinende Restaurant des Hotels Seestern hatte diese Muscheln im Angebot, wenn auch teurer. Drinnen waren dann alle Tische belegt mit Hotelgästen, die für den weiteren Abend keine anderen Pläne mehr hatten. So kam es, dass wir tatsächlich bei Gosch landeten und uns dort Zeit ließen. Bei Gosch wird nicht gedrängelt „ist bei Ihnn noch alles in Ordnung? Nur das Dessert nahmen wir, nach einem eiskalten, windigen Rückweg, zuhause ein : eine Tasse Kaffee mit einem Makronenplätzchen.
Pfarrbrief aus dem kalten Norden
Lieber Jean-Germain,
Wir schreiben bei blauestem Himmel, aber lausigen 4°. Der Wind ist furchbar. Die liebe Frau Pfeiffer vom LWL hat die zugesagte Anzeige für unser Heft geschickt. Diesmal muss ich nicht basteln, sie passt auf Anhieb.
Gestern waren wir in der Kirche hier. Sie liegt auf einem Hügel ca. 15 Meter über dem Hafenbecken, heißt ausnahmsweise nicht Nikolai („Sankt“ sowieso nicht), sondern einfach Stadtkirche. Auf der Homepage befasst man sich nicht mit den Kirchengebäuden, das ist keine evangelische Tradition. Aber wir haben herausgefunden : Turm im dänischen Stil aus dem 13. Jahrhundert, Chor ebenfals alt, der Rest etwas neuer. Kommen wir zur Orgel. Dieses seltene und edle Stück stammt aus dem Jahr 1974. Es ist kein Orgelschlauch und kein Spieltisch sichtbar, aber eine Stelltafel mit schlimmen Fotos und dringlichem Aufruf, Geld zu spenden. Wir benötigen dringend ca. 200.000 €, Staub ist eingedrungen von oben bis unten, ausgeleierte Tastatur, die Schleifklötze (oder irgendetwas anderes mit „Schleif“) wackeln wegen durchgerosteter Drähte, die Elektrik sei völlig veraltet, usw. Vor meinem geistigen Auge sah ich dich blassmützig und kopfschüttelnd einen Zwanziger in den Opferstock tun. Doch das muss nicht sein. Wenn wir uns hier in H. so umschauen, scheint Geld genug da zu sein. Man könnte die 200.000 an einem Tag einsammeln. Doch ärmlich geht es weiter : Die verblichenen Postkarten aus den frühen ’90ern sollten 30 ct kosten. Wir haben keine gekauft – es ist zu traurig, um auf dem Niveau mitzumachen. Im Seitenschiff stand an der Wand entlang eine große Ausstellung von gebastelten Vogelhäuschen*. Und : etwas versteckt fanden wir einen kurzen Kawai-Flügel, der beim Drücken von b-moll etwa verstimmt klang.
*Was es mit den Vogelhäuschen auf sich hat, erfährst du auf Anfrage später. Es ist zu komplex für eine Erklärung per E-Mail. Soweit unser Pfarrbrief.
Morgen begeben wir uns quer durch chaostischsten Osterferienreiseverkehr auf die Heimfahrt mit Zwischenstopp in Lüneburg, wo es neben Kulturellem (Foto-Auftrag im Ostpreussen-Museum mit neuer Kant-Abteilung) und dem Tennisverein „Heide“ vor allem Heidehonig, Heidebrot, Heidewurst und bei Schmerzattacken die Heidetablette in der Heideapotheke gibt.
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Freitag, 27. März 2026
Letzter offizieller Urlaubstag. Einen guten Urlaub erkennt man daran, wenn es eine grundsätzliche theoretische Bereitschaft gibt, noch länger bleiben zu würden, günge es. Und so fühlen wir uns. Bedingungen ; wärmer, windstiller, fahrradmobiler.
Hauptprogrammpunkt des Tages war die dritte Fehmarn-Reise in dieser Woche. Auf dem Plan stand der dritte Versuch des Guten-Tag-Sagens im Tunnel-Infocenter und eine Einkehr im Café Kontor Kölln in Burgstaaken. Letzteres fand auch statt. Wir streiften zunächst durch den dortigen Hafen, der sich heute untouristischer, dafür maritimer als sonst zeigte, weil ein echtes Schiff angelegt hatte. Die „Maike“ aus Husum (L = 82 M, B = 11 M) wurde mit Getreide aus den Agravis-Speichern beladen. Das Café danach kannten wir schon von Dezember 2023. Eine alte Hafenvilla mit knarzendem Holzfußboden, freundlicher Bedienung („Lasst es euch schmecken“) und ausgesuchten Torten. Später in Burg, war das Tunnelbüro gemäß der Freitagsregel bereits seit 15 Uhr geschlossen. Wir sind auf voller Länge gescheitert. Unsere Fragen bleiben also unbeantwortet. Dafür war überraschend die Senator Thomsen-Villa geöffnet mit einer Auqarellmalerei-Ausstellung. Wiebke Meier war höchstpersönlich anwesend und hoffte auf zahlungskräftige Kunstinteressenten, die ihr die Strand- und Dünen-Aquarelle abkauften. Wir gönnten uns zwei Postkarten und fragten, was das für ein Flügel in der Ecke wäre. Wusste sie nicht, erlaubte aber, den Tastendeckel zu heben. Unter der Fransen-Abdeckung kam ein mittellanger YAMAHA zum Vorschein. Städtisch, und für offizielle Kultur-Events in Senator Thomsen’s guter Stube vorgesehen. Als letztes schauten wir in Großenbrode nach dem Rechten, was sich als relativ öde herausstellte und mit einem Kurzbesuch bei Jens abgeschlossen wurde. Der Bahnübergang liegt doch nicht so nah am Firmengelände, wie bisher in Erinnerung war. Er ist auf dem Bild nur mit Mühe zu erkennen. Dafür hat Jens seine Zentralität noch weiter ausbauen können : 1. ist der Markant bzw. Nahkauf an der Strandstraße immer noch geschlossen. 2. Sind auf dem Parkplatz zwei 50er ENBW Ladesäulen hingestellt worden.
In der Hafenkneipe
Der abendliche Rundgang durch Hafen und Yachthafen bis zur Seebrücke endete in der sog. Hafenkneipe. Diese war gut gefüllt, es wurde ausschließlich getrunken, nicht gegessen. Die Bedienung erlaubte uns an der Theke Platz zu nehmen oder in der Ecke. Wir entschieden uns für die Theke. Sie machte sich dahinter zu schaffen und fing an, uns zu ignorieren. Dann schaute sie auf und wies uns an, uns in der Karte zu informieren. Wir sagten, wir wüssten schon, was wir wollten. Doch sie blieb dabei : Schaut in die Karte ! Als wir dieser Anweisung nicht folgten, sagte sie, wir sollten uns an einen Hochtisch mit Hockern setzen, von dem bisher nicht die Rede war. Wir zogen um. Das alkoholfreie Veltins schmeckte erwartungsgemäß scheusslich. An den Tischen nebenan saßen Kerle- aber auch gemischte Runden. Nicht ohne ein dickes Trinkgeld zu geben, verließen wir das Lokal „bis zum nächsten Mal“. Das wird sobald nicht sein.
Zu guter Letzt : Ostpreussen
Für den Rückreisetag am Samstag, 29.3.2026 hatten wir uns einen Foto-Auftrag aufs Auge drücken lassen. 8.55 Uhr ließen wir die Wohnung hinter uns. Nach einem gemütlichen Lade-Frühstück (Frühstücken bei gleichzeitigem Laden) bei Junge fuhren wir über die A1, die B404 undsoweiter durch Lauenburg nach Lüneburg. Dort sollten wir das Kant-Museum erkunden. Das Kant-Museum ist Teil des Ostpreussen-Museums. Ungewöhnliches Thema : Ostpreussen in Lüneburg ! Wir erinnerten uns, dass Mutter aus der Neumark stammte. Und aus heutiger Sicht ist das sowieso alles das selbe : Altmark, Neumark, Pommern, Ostpreussen, Schlesien, Sudetenland etc, inklusive natürlich Ostpreussen.
Wir traten an den Empfang des Museums und stellten uns ostpreussisch vor : „Gestatten, mein Name ist Karl von Noltewitz, darf ich Ihnen meine Gattin Eugénie vorstellen ?“ Die Mutter lächelte kalt. „Mein verehrter Herr Vater war Rittmeister auf den Landgütern derer von der Lanken. Der Baron ließ oft nachts anspannen, um nach dem Arzt zu schicken. Wir klopften mit dem Gehstock auf und putzten das Monokel. „Verstehe“ murmelte die Dame beflissen. Die Mutter rückte den Netzschleier vor ihrer Hutkrempe zurecht und raschelte etwas mit ihrem knöchellangen silbergrauen Seidenrock. „Wir möchten die Chroniken prüfen. Sie haben doch nichts dagegen?“ stellte sie fest. „Selbstverständlich, Gnädigste.“ Mit diesem Oevre waren wir drin. Das Museum erschließt den Besuchern die Ideen und die Peron Immanuel Kants (1724–1804) durch nicht zuviel Lesestoff, aber auch interaktive Elemente zum Erforschen und Ausprobieren. Gemälde und Büsten des Philosophen rundeten die Austellung in mehreren Kabinetten auf 3 Etagen ab. Die reine Ostpreussen-Abteilung ließen wir ausfallen, ebenso wie das angeschlossene Brauerei-Museum. Beim anschließenden Besuch im gemütlichen hauseigenen Café Bernstein, das musste sein, tauchten wir ein in das ostpreussisch abstammende und versierte Publikum. Wir waren umgeben von Herrschaften, denen spätestens 1945 ihre Gutshöfe und Ritterburgen abgenommen wurden, und die hier etwas heimatliches Flair auftanken konnten. Hätten wir nicht zuvor während der Anfahrt zwei trockene Vollkornschnitten rmtergewürgt, wären wir gerne den vegetarischen Königsberger Klopse erlegen oder hätten den ostpreussischen Kartoffelsalat mit saurer Sahne, Gurken, Radieschen und Schnitzelstreifen algernativ Heringsfilet probiert. So aber begnügten wir uns mit einem Allensteiner Himbeer-Vanille-Törtchen.
Leider war keine Zeit mehr, um uns intensiv dem Rest der Stadt Lüneburg zu widmen. Ab Soltau hatten wir wieder die Autobahn unter den Rädern. Fortdauernder Regen ist eigentlich sehr schön, ausser für das Fahrgefühl.