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Im Konjunktiv nach Strümpfelbrunn

By 4. Oktober 2026unterwegs

Der Oppa hat eben angerufen. Er hat Angst vorm Fliegen. Ist schon ganz aufgeregt.

Wegen Sonntag?

Versteh‘ ich auch nicht. Der fliegt doch nicht zum ersten mal.

Doch, ich glaub‘ schon.

Ist er denn noch nie in Urlaub geflogen? War er damals nach Teneriffa nicht mit?

Nein. Da war sie doch nur mit ihrem Vater allein hingefahren. Und als Kind ist er schon mal lange nicht geflogen.

Wie habt ihr denn Urlaub gemacht?

Urlaub – das gab es bei uns nicht. Wir sind immer zu Hause geblieben.

Ach, und was war mit Altenbeken? Da seid ihr doch jedes Jahr hingefahren.

Wir haben keinen Urlaub gemacht, sondern sind »in Ferien gefahren«. Das war was ganz anderes, hatte mit Urlaub nichts zu tun.

Ihr wart doch alle in Strümpfelbrunn, bei dieser Tante.

Alle! Nur Reinhold und Wolfgang waren einmal da. Einmal!

Ach, und ich dachte, wir hätten auf unserer Radtour von Fulda nach Heidelberg an die alte Tradition wieder anknüpfen können und bei der Tante in Strümpfelbrunn Station machen können. Ich hatte mir das so schön ausgemalt. Wenn wir es geschafft hätten, wenn wir die letzten 40 Kilometer geschafft hätten, wären wir die vierte Etappe von Miltenberg am Main nach Eberbach am Neckar auch mit dem Fahrrad gefahren und hätten kurz vor Eberbach leicht einen Schwenk nach Strümpfelbrunn schlagen können.

Ich kann mich an nichts mehr errinnern.

Weißt du doch noch. Sonntags, tote Hose. Miltenberg, Rummel wegen nichts. Das deutsche Ausflugslokal mit Terasse und Panoramablick über den Main war in Wirklichkeit ein Schmuddelgrieche. Und dann sind wir die ganze Strecke am Main entlang mit der Bahn wieder zurückgefahren, bis Wertheim. Danach ging’s ab ins Taubertal. Wenn wir das geahnt hätten, wären wir gleich in Wertheim abgebogen. Wir mussten umsteigen.

Richtig, irgendwas mit so’m Rennauto. Porsche?

Ja, wie hieß das Kaff noch mal? Voriges Jahr habe ich für Siemens Nixdorf die Buchhaltungsmädels der größten Firma am Ort fotografiert. Lauda! In Lauda mußten wir umsteigen.

Also ein Rennfahrer.

Wunderbar im Taubertal gelegen, etwas Weinbau, vor der Kirche stand eine Renaissance-Grablege aus rotem Sandstein. Mit Walki hatte ich dort abends eine Bratwurst gegegessen. Er konnte den Kanal nicht vollkriegen und wollte mir noch per Abstecher nach Weikersheim, das dortige Schloss zeigen, wo er mal vor Jahren für Nixdorf eine Presse-Sauferei oder so etwas durchgezogen hat.

Die Bahn fuhr ungerührt an Strümpfelbrunn vorbei. Und von Eberbach wieder zurück, das wollte ich auch nicht. Wir wären am Abend triumphal bei deiner Tante vorgefahren …

Sie war nicht meine Tante.

Was denn?

Eine Schwester von Omma.

… wären wir also bei der Schwester deiner Omma vorgefahren …

Das wäre schon deshalb nicht gegangen, weil ihr das Haus gar nicht gehörte. Sie diente nur bei einer Herrschaft im Haus.

Macht nichts.

Doch. Tante Gertrud ist schon lange tot.

Ihr nanntet Ommas Schwester Tante? Da soll noch einer durchblicken. Nun, dann wären wir halt zum Friedhof gefahren, hätten still ein Gebet verrichtet und wären anschließend zu dieser Dienstherrschaft gefahren, hätten kurz die Lage geschildert, überrascht und betroffen vom plötzlichen Tod der Tante.

Sie starb vor 15 Jahren. Beerdigt in Altenbeken. Wenn du unbedingt am Grab beten willst, bitte, fahr nach Altenbeken.

Das hätten wir nicht ahnen können, wir hätten um ein Nachtlager gebeten, eine warme Suppe, einen Schoppen Wein – hast du schon mal Wein vom Neckar getrunken?

Die Dienstherrschaft gibt es nicht mehr. Das war auch nur eine alte Dame, Frau Kühl, der die Tante zu Hand ging und dafür ein Zimmer unterm Dach bewohnen durfte.

Immerhin. Wo ist sie jetzt?

Ich glaube, unbekannt verzogen oder gestorben.

… Wären wir also zum Einwohnermeldeamt oder Friedhofsamt von Strümpfelbrunn gefahren und hätten Erkundigungen über ihren Verbleib eingeholt.

Ich glaube, du spinnst. Was willst du eigentlich unbedingt in Strümpfelbrunn? Da ist absolut nichts los.

Doch! Denk an den Katzenpuckel. 690 Meter hoch, und laut Shell-Atlas totaler Rundumblick.

An dem Tag wäre grade Nebel gewesen.. Sie haben da oben sowieso schon lange kein Geld mehr für das Schneiden der Büsche.

Wo ist eigenlich das Pottmanee hingekommen? Das Portmonee mit dem eingeprägten „Gruß vom Katzenpuckel“ …

Literaturhinweis:

Alle Angaben entsprechen der Wahrheit. Der Wunsch, Strümpfelbrunn kennenzulernen, brennt nach wie vor in der Seele des Autors. Auslöser dazu war jenes unscheinbare Portmonee. Ein kurzer Anblick, und schon nahm die Idee Form an. Die Etappe war zunächst von Fulda nach Frankfurt geplant, mit Stationen in Bad Soden-Salmünster und Bad Orb. Doch das Pottmanee stürzte alles um. Was sind ein paar lächerliche Heilquellen gegen den Rundumblick von Katzenpuckel? Wie deprimierend ist ein unpersönlicher Hotelaufenthalt gegen die herzliche Aufnahme bei einer lieben alten Tante und ihrer gütigen Dienstherrschaft?

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